Das Geschäft des Jahrzehnts

 
Im Zentrum von Oberammergau ist das oberbayerische Dorf-Idyll in den vergangenen Wochen nur von den Souvenirläden gestört worden, deren kitschige Jesusfiguren vom bevorstehenden Großereignis kündeten.
 
Das änderte sich am Samstag (15.05.2010), denn das Dorf hatte Gläubige und Pilgertouristen aus aller Welt zur Premiere der 41. Passionsspiele gebeten.
 
Entsprechend dem 1633 abgelegten Gelübde von rund 2.000 Oberammergauern wird das Leben und Leiden Jesu Christi aufgeführt. Was damals als Vorsorge gegen die Heimsuchung durch die Pest gedacht war, hat heute neben der religiösen Bedeutung auch eine kommerzielle Funktion.
 
 
Während der Passionsspielzeit zwischen Mai und Oktober wird die 5.000-Seelengemeinde unweit des Staffelsees Tag für Tag genauso viele Gäste wie Einheimische zählen.
 
Die kaufen nicht nur die geschnitzten Jesusfiguren der Souvenirläden, sie speisen und schlafen auch in Oberammergau, denn die meisten Eintrittskarten für das Jahrzehnt-Event werden nur im Paket mit ein bis zwei Tages-Übernachtungspauschalen angeboten.
 
300.000 Karten hofft man auf diese Weise an Besucher aus aller Welt loszuwerden, von denen Preise zwischen 200 und 800 Euro zu bezahlen sind.
 

"Im Passionsjahr ist Oberammergau auf den Kopf gestellt", sagt Anni Hutter vom regionalen Fremdenverkehrsverein.
 
Ein zahlender Gast pro Einwohner
 
"Jeden Tag haben wir genauso viele Gäste wie Einwohner im Ort Oberammergau." Dafür reicht die Bettenzahl des kleinen Örtchens bei weitem nicht aus, und das, obwohl sich im Ortszentrum mindestens ebenso viele Gastronomiebetriebe wie Souvenirläden aneinanderreihen.
 
 
Viele der Besucher werden in den umliegenden Ortschaften bis hinein nach Österreich einquartiert, was wiederum die hiesigen Busunternehmer freut, von denen die Passionsspielbesucher zu den 102 Vorstellungen chauffiert werden.
 
An der Passion verdienen viele in Oberammergau und der Verkaufserlös dürfte eine zweistellige Millionensumme in die leeren Gemeindekassen spülen.
 

Weshalb bei Bürgermeister Arno Nunn die Freude groß ist, auch wenn er als Zugereister aus dem Fränkischen, im Unterschied zu den meisten Dorfbewohnern, gar nicht spielberechtigt ist.
 
"Also, es ist ein Gelübdespiel, auf der einen Seite. Andererseits, und das lässt sich nicht verleugnen, hat es auch einen finanziellen Hintergrund für die Gemeinde: Im Passionsjahr 2000 lag der Erlös bei rund 25 Millionen Euro.
 
Und wir hoffen, dass er dieses Jahr eine ähnliche Dimension erreicht." Hinter der mit religiöser Inbrunst vorgetragenen Spiellaune steckt bisweilen scharf kalkulierender Geschäftssinn.
 
Etwa wenn die von Reiseveranstaltern zurückgegebenen Karten aus nicht verkauften Arrangements erst wenige Wochen vor Spielbeginn in den Einzelkartenverkauf gegeben werden.
 
Religiöse Inbrunst und Geschäftssinn
 
Im Februar lag die Rückgabequote bei etwa fünf Prozent, was angesichts der weltweiten Wirtschaftskrise vom Verkaufsleiter der Passionsspiele, Werner Hirrlinger, als Erfolg gewertet wird.
 
"Oberammergau ist natürlich sehr verwöhnt aus früheren Passionen, als die Aufführungen meist schon ein Jahr im Voraus zu 100 Prozent ausgebucht waren.
 
Das ist dieses Jahr nicht der Fall. Aber mit der Rückgabequote von derzeit fünf Prozent können wir noch recht zufrieden sein.
 
" Dabei hatte man sich dieses Jahr etwas ganz besonderes für den wichtigen amerikanischen Markt einfallen lassen und die Hauptdarsteller des Jesus und der Maria höchstpersönlich auf Promotions-Tour über den großen Teich geschickt.

 

 
 
 source: www.dw-world.de